Vanguard über das Altersvorsorgedepot: Kosten, Wettbewerb und der Start 2027

Fabian Behnke, Head of Strategic Accounts bei Vanguard

10 Fragen an Fabian Behnke von Vanguard – ein Experteninterview

Ab dem 1. Januar 2027 löst das Altersvorsorgedepot die Riester-Rente als staatlich gefördertes Kernprodukt ab. Wie die Anbieterseite auf die neuen Regeln schaut, dringt bisher kaum nach außen. Also haben wir nachgefragt. Fabian Behnke, Head of Strategic Accounts bei Vanguard, spricht im Interview über den Kostendeckel von 1,0 Prozent, die Kooperation mit Growney, die Frühstart-Rente und die Punkte, an denen der Gesetzgeber aus seiner Sicht nachbessern muss.Fa

1. Vanguard steht für kostengünstige, passive Geldanlage. Wie bewerten Sie die gesetzliche Effektivkostenobergrenze von 1,0 Prozent für das Standarddepot?

Niedrige Kosten sind ein zentraler Erfolgsfaktor langfristiger Kapitalanlage und stellen sicher, dass die staatliche Förderung möglichst effizient bei den Anlegern ankommt. Anders als die Performance eines Portfolios lassen sich Kosten gut kontrollieren und jeder Cent, der in Gebühren fließt, kann am Ende in der Rente fehlen. Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern werden wir Standardprodukte anbieten, die sowohl für die Anleger fair als auch langfristig attraktiv für Beratung und den Partner sind. Der Kostendeckel ist aus unserer Sicht daher nicht problematisch.

Gleichzeitig sollte die politische Zielsetzung nicht allein auf die Depotverwaltung reduziert werden. Finanzbildung, digitale Infrastruktur, Kundenkommunikation und gegebenenfalls Beratung verursachen ebenfalls Kosten. Deshalb halten wir das zusätzliche Verbot von Abschluss- und Vertriebskosten bei der Frühstartrente für nicht erforderlich, da der Kostendeckel bereits vor unangemessen hohen Kosten schützt.

2. Mit Growney haben Sie bereits einen konkreten Partner für ETF-Modellportfolios im Altersvorsorgedepot gewonnen. Wie sieht Vanguards Rolle im Markt aus?

Vanguard sieht seine Rolle vor allem darin, den Aufbau einer kostengünstigen, langfristigen und kapitalmarktbasierten Altersvorsorge in Deutschland zu unterstützen. Dabei greifen wir auf unsere globale Expertise zurück, die wir über Jahrzehnte als einer der größten Anbieter von Altersvorsorgelösungen in den USA, UK und Australien sammeln konnten. Auch in Deutschland bieten wir mittlerweile Modellportfolios und gemeinsam mit unseren Partnern Vermögensverwaltungen auf Basis von Modellportfolios an, die sich hervorragend für das Altersvorsorgedepot eignen und von Beratern und Vermittlern gerne genutzt werden.

Die konkrete Ausgestaltung möglicher Vertriebs- oder Kooperationsmodelle wird sich in den kommenden Monaten weiter entwickeln und an den regulatorischen Rahmenbedingungen orientieren. Noch gibt es hier offene Fragen, die der Gesetzgeber klären muss. Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass ausreichend Anbieter attraktive Lösungen entwickeln können und Wettbewerb sowie Innovationsfähigkeit gewährleistet bleiben, damit Anleger das beste Angebot erhalten.

3. Schränkt das Anlageuniversum die Möglichkeit ein, wirklich breit diversifizierte Weltportfolios anzubieten?

Wir haben keine grundsätzliche Kritik an der vorgesehenen Produktpalette. Im Gegenteil: Wir haben verschiedene internationale Vorsorgemodelle verglichen und festgestellt, dass im Zentrum erfolgreicher Modelle breit diversifizierte, kosteneffiziente, global ausgerichtete Fondsanlagen stehen, wie sie mit den aktuellen Rahmenbedingungen auch in Deutschland möglich sind. Zugleich behält der Anleger ausreichend Wahlfreiheit, was die Akzeptanz der Reform unterstützen dürfte, ohne dabei zu große Risiken einzugehen. Entscheidend bleibt, dass der Anleger sich möglichst selbst über seine Altersvorsorge informiert und eine eigene Entscheidung trifft – das erhöht nicht nur die Finanzbildung, sondern kann auch die langfristige Akzeptanz steigern.

4. Wie schätzen Sie den Wettbewerb zwischen privaten ETF-basierten Lösungen und einem staatlichen Angebot ein?

Wir sehen private Angebote und eine staatliche Auffanglösung grundsätzlich als ergänzende Bausteine. Bei einer rein staatlichen Lösung besteht die Gefahr, dass wichtige Ziele wie Finanzbildung und der Aufbau langfristiger Kapitalmarkterfahrung nur eingeschränkt erfüllt werden. Private Anbieter können durch digitale Zugänge, transparente Bedingungen und kontinuierliche Begleitung und Beratung einen wichtigen Beitrag leisten, mehr Menschen an die Kapitalmärkte zu bringen – auch über die staatlich geförderte Altersvorsorge hinaus. Die staatliche Auffanglösung muss dabei so ausgestaltet werden, dass der faire Wettbewerb erhalten bleibt.

5. Ist das Altersvorsorgedepot ein Wendepunkt für die deutsche Aktienkultur?

Das Altersvorsorgedepot hat das Potenzial, einen wichtigen Beitrag zu einer breiteren Kapitalmarktteilnahme in Deutschland zu leisten. Besonders wertvoll ist die Verbindung von Vermögensaufbau und Finanzbildung. Internationale Erfahrungen zeigen, dass Menschen häufiger dauerhaft sparen und investieren, wenn sie frühzeitig praktische Erfahrungen mit Kapitalmarktanlagen sammeln. Ob daraus ein echter Wendepunkt entsteht, wird jedoch wesentlich davon abhängen, wie attraktiv, verständlich und zugänglich die Angebote ausgestaltet werden und ob Finanzbildung konsequent gefördert wird.

„Jeder Cent, der in Gebühren fließt, kann am Ende in der Rente fehlen."

6. Wie bewerten Sie das Zusammenspiel von Altersvorsorgedepot und Frühstart-Rente?

Aus unserer Sicht ergänzen sich beide Instrumente sehr sinnvoll. Die Frühstart-Rente schafft die Möglichkeit, bereits im Kindesalter Vermögensaufbau und Finanzbildung miteinander zu verbinden und wichtige Grundlagen für die spätere Altersvorsorge zu schaffen – insbesondere durch die Möglichkeit der privaten Zuzahlungen. Der vorgesehene Übergang in die private Altersvorsorge im Erwachsenenalter sorgt dafür, dass frühe Kapitalmarkterfahrungen langfristig fortgeführt werden können. Im internationalen Vergleich beobachten wir, dass genau dieser durchgängige Spar- und Vorsorgepfad besonders wirksam ist.

7. Welche internationalen Erfahrungen lassen sich auf Deutschland übertragen?

Internationale Erfolgsmodelle weisen unabhängig vom jeweiligen Land mehrere gemeinsame Merkmale auf: einen möglichst frühen Einstieg in den Vermögensaufbau, breite Zugänglichkeit, die Möglichkeit zusätzlicher privater Einzahlungen, attraktive steuerliche Anreize sowie einen einfachen Übergang in langfristige Vorsorgeprodukte. Deutschland unterscheidet sich bislang unter anderem durch eine vergleichsweise geringe Kapitalmarktteilhabe und eine historisch gewachsene Zurückhaltung gegenüber aktienbasierten Vorsorgelösungen, die abgebaut werden muss, damit die Reform der Altersvorsorge erfolgreich sein kann. Gerade deshalb sind Beratung, Finanzbildung und einfache, kostengünstige Standardlösungen besonders wichtig.

8. Wie verändert sich das Verhältnis zwischen Execution-only-Angeboten und beratener Vermittlung?

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen gehen davon aus, dass im Standarddepot in der vorliegenden Form keine Beratung erforderlich ist. Das unterstützt effiziente und kostengünstige Prozesse, insbesondere für diejenigen, die bereits Kapitalmarkterfahrung sammeln konnten. Gleichzeitig zeigen internationale Beispiele, dass eine gute, ganzheitliche Beratung und laufende Betreuung einen wichtigen Beitrag zu Finanzbildung, Vertrauen und langfristigem Anlageverhalten leisten können und insbesondere für Menschen, die erstmals investieren, essenziell sein können. Wir erwarten deshalb, dass sowohl digitale Execution-only-Angebote als auch beratungsunterstützte Lösungen ihren Platz im Markt haben werden und insgesamt mehr Anspruchsberechtigte als in der Vergangenheit erreicht werden. Entscheidend ist, dass Verbraucher eine passende Wahlmöglichkeit erhalten.

9. Reicht die Zeit bis 2027 aus?

Die Branche arbeitet bereits intensiv an der Vorbereitung, doch es werden nicht alle Anbieter bis zum 1. Januar 2027 ein fertiges Angebot haben. Aus unserer Sicht wird der Erfolg der Vorbereitungen maßgeblich davon abhängen, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen rechtzeitig finalisiert werden und ausreichend Planungssicherheit für Anbieter besteht. Dann können wettbewerbsfähige Produkte, digitale Prozesse und tragfähige Partnerschaften rechtzeitig aufgebaut werden. Gleichzeitig ist es wichtig, Anleger daran zu erinnern, dass sie sich nicht unter Druck setzen lassen sollten und nicht das erstbeste Produkt wählen müssen: Die Entscheidung für eine passende Altersvorsorgelösung kann auch noch in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 2027 geschehen – ohne auf Förderung verzichten zu müssen.

10. Was müsste die Politik noch nachschärfen?

Der vorgelegte Reformansatz ist ein wichtiger Schritt, um die private Altersvorsorge in Deutschland zu stärken. Gleichzeitig sehen wir einige Bereiche, in denen die Rahmenbedingungen noch weiter verbessert werden könnten.

Erstens sollte der Übergang von der Frühstart-Rente in das Altersvorsorgedepot möglichst nahtlos und unkompliziert gestaltet werden. Der größte Mehrwert entsteht dann, wenn Kinder und Jugendliche früh erste Erfahrungen mit dem Kapitalmarkt sammeln und diesen Vermögensaufbau später ohne bürokratische Hürden in die private Altersvorsorge überführen können. So kann ein durchgängiger Vorsorgepfad über das gesamte Leben hinweg entstehen.

Zweitens sollte Finanzbildung ein noch stärkerer Bestandteil des Gesamtkonzepts und auch in der staatlichen Auffanglösung mitgedacht werden. Menschen treffen bessere Vorsorgeentscheidungen, wenn sie verstehen, wie langfristiger Vermögensaufbau funktioniert, welche Rolle Risiko und Diversifikation spielen und welchen Einfluss Kosten auf den Anlageerfolg haben. Finanzbildung ist daher kein Nebenaspekt, sondern eine zentrale Voraussetzung für den langfristigen Erfolg der Reform.

Drittens sehen wir weiteren Reformbedarf bei der betrieblichen Altersvorsorge. Deutschland braucht auch hier mehr kapitalmarktbasierte Vorsorgelösungen. Dazu gehören aus unserer Sicht weniger starre Garantievorgaben sowie mehr Flexibilität für Arbeitgeber bei der Umsetzung, beispielsweise durch die Nutzung des Altersvorsorgedepots.

Insgesamt sollte das Ziel sein, Kosten, Zugänglichkeit, Wettbewerb, Finanzbildung und langfristige Kapitalmarktteilhabe gemeinsam zu denken. Dann hat das Altersvorsorgedepot das Potenzial, die private Altersvorsorge nachhaltig zu stärken und mehr Menschen in Deutschland an den Kapitalmarkt heranzuführen.

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Über den Experten

Fabian Behnke

Head of Strategic Accounts, Vanguard

Fabian Behnke leitet als Head of Strategic Accounts bei Vanguard ein Team, das Versicherungen, strategische Kunden und Partnerschaften in Deutschland und Österreich betreut. Zuvor war er bei einer internationalen Bank im Derivate-Bereich und Asset Management in der Betreuung professioneller Anleger tätig. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im deutschsprachigen ETF-Markt