Das Altersvorsorgedepot aus Sicht eines Rating-Experten
10 Fragen an Fabian Van Lancker (fb research) – ein Experteninterview
Wie vergleicht man ein Kapitalmarktprodukt wie das Altersvorsorgedepot überhaupt fair? Wir haben nachgefragt. Fabian Van Lancker, Geschäftsführer der fb research GmbH, kennt die Ratingwelt von innen und ordnet für uns ein, worauf es beim Vergleich ankommt, warum die Branche vor allem auf Premiumprodukte setzt und wie unabhängige Ratings überhaupt entstehen.
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fb research ist bekannt für Ratings und Bedingungsvergleiche bei klassischen Versicherungsprodukten. Wie lässt sich diese Methodik auf das Altersvorsorgedepot übertragen, das ja kein klassisches Bedingungswerk, sondern ein Kapitalmarktprodukt ist?
Das Altersvorsorgedepot wird es in zwei Ausführungen geben: als klassisches Depot mit einem Fondsansatz und als Versicherungsprodukt. Reine Depots standen bei fb research bislang weder im Leistungsvergleich noch im Abschluss im Fokus. Das wird auch im Zuge der Reform der privaten Altersvorsorge so bleiben. Im Vergleich der Versicherungsprodukte bieten wir das Vorsorgedepot zwar als Berechnungsbeispiel mit an, allerdings ohne Abschluss und ohne qualitativen Vergleich. Bei den Versicherungsprodukten selbst gibt es dagegen deutliche Unterschiede in Leistungen und Bedingungen. Das gilt besonders für die Premiumprodukte, die die Versicherer zunehmend forcieren. Diese Unterschiede bilden wir toolseitig ab, und zwar sowohl qualitativ als auch quantitativ.
Planen Sie ein eigenes Rating oder einen Vergleichsstandard speziell für Anbieter von Altersvorsorgedepots? Wenn ja, welche Kriterien wären dabei aus Ihrer Sicht entscheidend?
Zunächst gilt es, die Rollen der fb research GmbH und der Franke und Bornberg GmbH auseinanderzuhalten. Sollte es ein Rating geben, wovon ich aktuell ausgehe, wird Michael Franke dieses voraussichtlich im nächsten Jahr mit der Franke und Bornberg GmbH einführen. Ich vermute, dass es sich auf die Premiumprodukte fokussieren wird. Wir selbst starten zum 01.01.2027 mit Vergleich und Abschluss für die neuen Riester-Produkte. Dort bieten wir eine qualitative Analyse an, gerade bei den Unterschieden, die wir schon heute sehen.
Der gesetzliche Kostendeckel liegt bei 1,0 Prozent für Standarddepots. Reicht diese eine Kennzahl aus, um Anbieter sinnvoll vergleichbar zu machen, oder braucht es aus Ihrer Sicht differenziertere Qualitätskriterien?
Die Marktbewegung geht derzeit dahin, dass die Standarddepots weder für die Versicherer noch für die großen Vertriebe und Makler im Fokus stehen. Diese sollen unter anderem über die Webseiten der Versicherer abgeschlossen werden. Beraten und aktiv angeboten werden sollen vielmehr die Premiumprodukte. Und genau diese werden wir in den Vergleich integrieren. Bei den Premiumprodukten liegt der Kostendeckel teilweise minimal höher, und es gibt Unterschiede in Leistungen und Hochrechnungen. Deshalb bieten wir im Vergleich mehr als nur diese eine Kennzahl. Standarddepots werden wir voraussichtlich nicht aufnehmen, weil die Nachfrage danach uns derzeit nicht erreicht.
Seit 2022 gehört fb research zu Swiss Life, einem Anbieter, der auch eigene fondsgebundene Altersvorsorgeprodukte vertreibt. Wie stellen Sie die Unabhängigkeit Ihrer Analysen sicher, wenn es künftig auch um den Vergleich von Altersvorsorgedepots geht?
Eine gute Frage, die ich in Teilen schon beantwortet habe. Die Ratings selbst erstellen wir bei fb research gar nicht. Das übernimmt die Franke und Bornberg GmbH rund um Michael Franke und Katrin Bornberg. Diese ist weiterhin zu 100 Prozent unabhängig und ohne Fremdkapitalbeteiligung. Sie zeichnet sich schon heute als Autorin und Analystin für sämtliche Ratings verantwortlich, die in unseren Tools angeboten werden. Genau dadurch ist die Unabhängigkeit gewährleistet, denn es gibt niemanden, der hier eingreifen könnte.
Sie haben in der Vergangenheit betont, dass menschliche Expertise bei der Interpretation von Vertragsdetails unverzichtbar bleibt. Gilt das aus Ihrer Sicht auch für Altersvorsorgedepots oder sind diese Produkte durch ihre Standardisierung leichter automatisiert vergleichbar?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Bei den Standardprodukten glaube ich durchaus, dass sie sich sehr schnell vergleichen lassen, sofern sie sich alle an das GDV-Standardbedingungswerk halten. Unser Fokus liegt aber erneut nicht dort, sondern auf den Premiumprodukten. Deren Vielfalt ist schon heute sehr groß. Deshalb braucht es neben dem quantitativen auch einen qualitativen Vergleich, und genau den bilden wir in unseren Tools ab.
Wie verändert das Altersvorsorgedepot aus Ihrer Sicht das Verhältnis zwischen klassischen Versicherungsprodukten wie Fondspolicen oder klassischen Rentenversicherungen und reinen Depotlösungen? Wird sich der Beratungsbedarf dadurch verschieben?
Aus den Gesprächen, die wir bislang mit großen Vertriebs- und Maklerorganisationen geführt haben, glaube ich nicht, dass sich der Beratungsbedarf von der Logik her verschiebt. Es gibt Vertriebe und Pools, die heute sehr investmentgetrieben sind. Diese wollen das Altersvorsorgedepot künftig über den klassischen Investmentansatz beraten. Und es gibt stark versicherungsgetriebene Organisationen, die das Ganze im Versicherungsmantel beraten werden. Die thematische Beratung verschiebt sich also nicht. Ich glaube aber, dass wir im nächsten Jahr einen gewissen Hype erleben werden, ähnlich wie einst bei der Einführung von Riester. Vertriebe mit einem guten Beratungsprozess, guten Tools und einem schnellen, qualitativen digitalen Abschluss werden dadurch einen deutlichen Wettbewerbsvorteil haben. Das gilt gerade deshalb, weil ich nach heutigem Stand nicht davon ausgehe, dass die staatliche Lösung zum 01.01.2027 tatsächlich kommt.
Vermittlerinnen und Vermittler müssen künftig sowohl Versicherungsprodukte als auch Altersvorsorgedepots erklären können. Welche neuen Anforderungen ergeben sich daraus für Beratungssoftware und Vergleichstools?
Ich glaube, dass sich die neuen Anforderungen in Grenzen halten. Die großen Makler- und Vermittlerorganisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, beraten heute schon beides: Depots und Fonds ebenso wie klassische Versicherungsprodukte, ob fondsgebunden oder nicht. Diese hybride Kompetenz ist also vorhanden. Es gibt bereits diverse Tool- und Softwarelösungen, die den Vergleich von Depot und Altersvorsorgeprodukt anbieten. Ob es zwingend ein Tool braucht, aus dem heraus man Fonds und Versicherungen vergleicht, bezweifle ich persönlich aber noch. Denn beide sind im Kern auch technisch sehr verschieden. Ein Depot liegt bei einer Bank, und der Fondsemittent ist nicht der Depotanbieter. Bei einer Versicherung dagegen binde ich mich an einen Versicherer, von dort kommen Police und Daten. Der Abschlussprozess ist also völlig unterschiedlich, ebenso die Regulatorik. Ein Bedarfswecker, der einmal aufzeigt, was ein Depot und was ein Versicherungsprodukt leisten kann, ist durchaus sinnvoll. Bei den klassischen Vergleichs- und Abschlusstools gibt es heute aber große Platzhirsche am Markt, zu denen wir uns zählen. Da wird sicherlich kein neuer Anbieter mehr dazukommen.
Wie schätzen Sie die Rolle eines zusätzlichen öffentlichen Anbieters neben den privaten Depotanbietern ein? Lässt sich ein solches staatliches Angebot in bestehende Vergleichs- und Ratingsysteme überhaupt sinnvoll einordnen?
Mit 25 Jahren Historie der fb research GmbH sind wir selbstbewusst genug zu sagen: Technische Kompetenz, gerade im digitalen Vergleich und Abschluss, lässt sich nicht mit viel Geld innerhalb eines halben Jahres einkaufen. Mit der digitalen Expertise, die Deutschland gerade in der Regierung zeigt, wird das sicherlich nicht einfacher. Der Vorteil ist natürlich, dass sich viele Menschen von einer staatlich kommunizierten und unterstützten Lösung überzeugen lassen. Viele glauben nach wie vor an das zentrale Rentensystem, das damit ein Stück weit erweitert würde. Insofern glaube ich schon, dass es mit dem staatlichen Produkt auch einen gewissen Umsatz geben wird. Allerdings ist derzeit noch zu viel unklar, wer es anbietet, wie es funktioniert, wie abgeschlossen wird, als dass wir dazu abschließende Aussagen treffen könnten.
Der Starttermin für das Altersvorsorgedepot ist 2027. Wie weit ist fb research in der Entwicklung entsprechender Tools und Datenstrukturen, um Anbieter und Produkte rechtzeitig vergleichbar zu machen?
Wir werden vermutlich einer der Ersten sein, die zum 01.01.2027 eine Vergleichs- und Abschlussstrecke für die Altersvorsorgedepot-Versicherungsprodukte anbieten. Bereits zum Ende von Q3 veröffentlichen wir die Schnittstellenstrukturen, damit unsere Kunden und Partner unsere Tools und diese neue Sparte rechtzeitig anbinden und implementieren können. Hier sind wir aktuell vollständig im Plan. Wir sprechen mit über 15 Versicherungsanbietern, die in ihrer internen Umsetzung unterschiedlich weit sind. Der Analyserahmen für die Bedingungsanalyse steht, und wir sind in sehr guter Abstimmung mit der Franke und Bornberg GmbH. So werden wir die Versicherungsprodukte vollständig abbilden können.
Wenn Sie einen Wunsch an die Politik frei hätten: Was müsste aus Sicht eines Vergleichs- und Ratingunternehmens noch klarer geregelt werden, damit Transparenz und Vergleichbarkeit beim Altersvorsorgedepot tatsächlich gelingen?
Ich glaube, dass die Regulatorik, wie sie heute ist, ein Grund dafür ist, dass es unsere Branche überhaupt gibt: die Makler und Vermittler, aber auch die Tool-Anbieter. Die Produkte sind so komplex, dass es einen persönlichen Berater braucht. Denn niemand steht morgens auf und sagt: „Heute kaufe ich eine BU, heute mache ich etwas für meine Altersvorsorge.” Finanzielle Bildung ist kein fester Teil des Bildungssystems, sondern etwas, in das man erst hineinwachsen muss. Mein Wunsch wäre, dass die Regulatorik gerne einfacher werden darf. Aber solange es Wettbewerb sowie Angebot und Nachfrage gibt, wird es uns immer brauchen. Wir sind es gewohnt, sehr komplexe Sachverhalte für Kunden und Berater einfach darzustellen. Das Altersvorsorgedepot ist dabei keine neue Herausforderung und macht uns das Leben nicht schwerer. Wir sind überzeugt, auch hier mit unserer Erfahrung, Expertise und Qualität eine gute Lösung zu liefern.
Was bringt Ihnen das Altersvorsorgedepot?
Förderung, Steuervorteil und möglicher Depotwert in unter einer Minute und mit Ihren eigenen Zahlen.
Über den Experten
Fabian Van Lancker
Geschäftsführer der fb research GmbH
Fabian Van Lancker ist Sprecher der Geschäftsführung der fb research GmbH mit Sitz in Hannover, die er seit Januar 2023 gemeinsam mit Bastian Geisler und Stefan Stangl verantwortet. Das Unternehmen entwickelt digitale Analyse-, Vergleichs- und Beratungslösungen für Finanz- und Versicherungsprodukte und beschäftigt heute mehr als 130 Mitarbeitende. Seit 2024 gehört Van Lancker zudem der Geschäftsführung der vers.diagnose GmbH an.
Van Lancker studierte Mathematik und Theoretische Physik und absolvierte später ein Managementstudium an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Vor seiner heutigen Tätigkeit war er mehrere Jahre bei einem führenden schweizer Versicherer für digitale Vertriebsprozesse und das Datenmanagement mit seinen Teams verantwortlich.