Halal-Altersvorsorgedepot: Passt ein scharia-konformer ETF ins geförderte Depot?

Millionen Musliminnen und Muslime in Deutschland sind erwerbstätig, zahlen Steuern und damit grundsätzlich förderberechtigt für das neue Altersvorsorgedepot. Trotzdem stellt sich für viele eine Frage, die an den meisten Stellen zum Thema fehlt: Lässt sich das Depot überhaupt mit den eigenen religiösen Grundsätzen vereinbaren?

Diese Frage ist keine Randnotiz. Ohne eine klare Antwort und ohne die Möglichkeit, gezielt nach passenden Produkten zu suchen, bleibt ein Teil der Bevölkerung von einer der großzügigsten staatlichen Förderungen der letzten Jahrzehnte faktisch ausgeschlossen. Wir zeigen Ihnen, worauf es bei einem scharia-konformen Altersvorsorgedepot ankommt.

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Altersvorsorgedepot kann grundsätzlich auch scharia-konform bespart werden, sofern der gewählte ETF entsprechend zertifiziert ist.

  • Scharia-konform bedeutet vor allem: kein Zinsgeschäft (Riba), keine verbotenen Branchen (Haram) und keine hochspekulativen Konstruktionen (Gharar).

  • Ein „nachhaltiges” oder ESG-Label ersetzt keine Scharia-Zertifizierung. Beide Kriterienkataloge überschneiden sich nur teilweise.

  • Ohne gezielten Vergleich muss jeder Anbieter einzeln darauf geprüft werden, ob ein Halal-Fonds im Sparplan-Angebot enthalten ist.

Ein Halal-Altersvorsorgedepot ist ein Depot, in dem ausschließlich nach islamischen Grundsätzen zertifizierte Fonds bespart werden, etwa Aktien-ETFs ohne Zinserträge und ohne Beteiligung an verbotenen Branchen. Die Zertifizierung übernimmt ein unabhängiges Scharia-Board.

Was bedeutet “scharia-konform” bei der Geldanlage?

Für gläubige Musliminnen und Muslime unterliegt die Geldanlage religiösen Regeln, die über allgemeine Nachhaltigkeitskriterien hinausgehen. Vier Grundsätze sind dabei zentral.

Zinsverbot (Riba): Investitionen, die überwiegend auf Zinserträgen beruhen, sind nicht zulässig. Das betrifft klassische Anleihen ebenso wie stark verschuldete Unternehmen oder klassische Banken und Versicherer.

Ausschluss bestimmter Branchen (Haram): Unternehmen aus den Bereichen Alkohol, Glücksspiel, Schweinefleischverarbeitung, Pornografie und Rüstung fallen raus. Das gilt ebenso für klassisches, nicht-islamisches Bank- und Versicherungswesen, weil dessen Geschäftsmodell zentral auf Zinserträgen beruht.

Verschuldungsgrenzen und Ertragsprüfung: Auch grundsätzlich zulässige Unternehmen werden zusätzlich nach Kennzahlen wie dem Verhältnis von Schulden zum Unternehmenswert geprüft. Enthält ein Unternehmen einen kleinen Anteil unzulässiger Erträge, wird dieser Anteil rechnerisch bereinigt und einem wohltätigen Zweck zugeführt (Purification).

Kein Spekulationsprinzip (Gharar): Hochspekulative oder intransparente Konstruktionen gelten als problematisch. Das überschneidet sich inhaltlich sogar mit dem allgemeinen Anlegerschutzgedanken hinter dem Altersvorsorgedepot.

Kurz zusammengefasst: Scharia-konform heißt konkret: kein Zinsgeschäft, keine verbotenen Branchen, geprüfte Verschuldungsgrenzen und kein Gharar. Ein unabhängiges Scharia-Board bestätigt das per Zertifizierung, ein ESG-Siegel reicht dafür nicht aus.

Passt ein Halal-ETF überhaupt ins Altersvorsorgedepot?

Die gute Nachricht vorweg: Rechtlich spricht wenig dagegen. Das Altersvorsorgedepot arbeitet mit einer gesetzlichen Positivliste, die breit gestreute Fonds der Risikoklassen 1 bis 5 (nach dem Synthetic Risk and Reward Indicator, SRRI) zulässt.

Scharia-konforme Aktien-ETFs, etwa Investmentfonds auf den MSCI World Islamic Index, sind strukturell ganz normale, breit diversifizierte Indexfonds. Sie unterscheiden sich von konventionellen Welt-ETFs im Kern nur durch die religiös motivierte Auswahl und Gewichtung der enthaltenen Unternehmen, nicht durch Risikoklasse oder Fondsstruktur. Ein Beispiel zur Einordnung, keine Empfehlung: Der iShares MSCI World Islamic UCITS ETF ist in Deutschland bereits seit Jahren regulär handelbar.

Ob ein konkreter Anbieter einen solchen Fonds tatsächlich ins Depot-Sparplan-Angebot aufnimmt, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Genau das ist der Punkt, an dem für Sie als Sparerin oder Sparer der eigentliche Rechercheaufwand beginnt.

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Warum sich ein gezielter Blick auf das Anbieter-Angebot lohnt

Ohne eine Möglichkeit, gezielt nach scharia-konformen Produkten zu suchen, müsste jeder Anbieter einzeln daraufhin durchsucht werden, ob überhaupt ein Halal-ETF im Sparplan-Universum enthalten ist. Für Laien ist das ein enormer Rechercheaufwand.

Fehlt diese Möglichkeit, entsteht ein echtes Dilemma: entweder auf die attraktive staatliche Förderung von bis zu 540 Euro Grundzulage plus Kinderzulage jährlich verzichten oder gegen die eigenen religiösen Grundsätze investieren. Beides ist ein schlechtes Ergebnis für ein Produkt, das ausdrücklich für breite Bevölkerungsschichten gedacht ist.

Eine reine Ja-Nein-Angabe reicht dabei nicht aus. Relevant sind zusätzlich Informationen wie das konkrete Scharia-Board, die Zertifizierungsstelle, die Methodik der Ertragsreinigung und die laufenden Kosten.

Ein gezielter Vergleich schafft dabei mehr als nur Orientierung für Sie persönlich. Wird die Nachfrage nach Halal-Optionen sichtbar und über Anbieter hinweg vergleichbar, entsteht für die Anbieter selbst ein wirtschaftlicher Anreiz, entsprechende Fonds tatsächlich ins Sparplan-Angebot aufzunehmen. Markttransparenz erzeugt so indirekt auch Marktdruck.

Für Familien kommt eine weitere Frage dazu: ob sich auch die Kinderzulage in ein scharia-konformes Produkt einzahlen lässt. Die Grundlagen zur Förderberechtigung haben wir bereits ausführlich erklärt. Welche ETF-Typen generell fürs Depot infrage kommen, zeigen wir unter passende ETFs fürs Altersvorsorgedepot.

Kurz zusammengefasst: Ohne gezielten Vergleich liegt das komplette Rechercherisiko allein bei Ihnen, mit der Gefahr, entweder die Förderung oder die eigenen religiösen Grundsätze aufzugeben. Ein spezialisierter, transparenter Vergleich mit echter Halal-Filterfunktion macht diese Entscheidung erst praktisch möglich.

Fazit

Das Altersvorsorgedepot kann für muslimische Sparerinnen und Sparer eine ebenso große Chance sein wie für alle anderen, vorausgesetzt der Zugang zu geeigneten, religiös vertretbaren Produkten bleibt nicht dem Zufall einzelner Anbieter-Sortimente überlassen. Ein gezielter Vergleich mit echter Halal-Filterfunktion ist dafür kein Extra, sondern die Voraussetzung.

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Häufige Fragen

FAQ zum scharia-konformen Altersvorsorgedepot

Ist das Altersvorsorgedepot grundsätzlich mit dem Islam vereinbar?

Ja, sofern die gewählten Fonds scharia-konform zertifiziert sind. Die gesetzliche Positivliste des Depots lässt breit gestreute Investmentfonds und ETFs der Risikoklassen 1 bis 5 (nach dem Synthetic Risk and Reward Indicator, SRRI) zu – Halal-ETFs wie etwa Fonds auf den MSCI World Islamic Index erfüllen diese Kriterien, da sie strukturell normale, breit gestreute Indexfonds sind.

Ein Halal-ETF schließt Unternehmen aus zinslastigen oder religiös verbotenen Branchen aus und wird von einem unabhängigen Scharia-Board zertifiziert. Struktur und Risikoklasse bleiben mit klassischen Welt-ETFs vergleichbar – ein Beispiel ist der iShares MSCI World Islamic UCITS ETF, der in Deutschland bereits seit Jahren regulär handelbar ist.

Nein. ESG- und Scharia-Kriterien überschneiden sich teilweise, sind aber nicht deckungsgleich. Nur eine eigene Scharia-Zertifizierung durch ein Scharia-Board bestätigt die religiöse Konformität.

Grundsätzlich ja, wenn das Depot insgesamt in einen zertifizierten Halal-ETF investiert. Details zur Kinderzulage selbst finden Sie in unserem separaten Ratgeber dazu.

Ein unabhängiges Scharia-Board aus anerkannten islamischen Gelehrten prüft und zertifiziert den Fonds. Das funktioniert vergleichbar mit einem Gütesiegel.

Über den Autor

Rolf Henning Hackel

Jurist & Finanzmarktexperte · AVD Anbieter Vergleich

Rolf Henning Hackel ist Diplom-Jurist und seit über 22 Jahren als Vorstand und Geschäftsführer für unterschiedliche Softwaredienstleister der Finanzbranche sowie als Unternehmensgründer tätig. Als absoluter Marktexperte kennt er nicht nur die verschiedenen Anbieter, sondern auch die Produkte der Finanzindustrie mit ihren Stärken und Schwächen sowie deren regulatorischen Rahmen. Beim AVD Anbieter Vergleich schreibt er über das neue Altersvorsorgedepot und erklärt Förderung, Anbieter und Renditechancen in verständlichen Worten – unabhängig und werbefrei.